Musikalische Literatur

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Neues bei HelmicH

An dieser Stelle haben wir eine neue Rubrik auf unserer Homepage eröffnet. Musik und Literatur sind schon immer unsere Leidenschaften. So sind für uns Romane, Erzählungen, Biografien, in denen die Musik oder Musiker eine besondere Rolle spielen, besonders spannend. Unser Freund Uwe Spannhake teilt mit uns dieses Interesse. Er stellt in lockerer Reihenfolge Bücher vor. Freuen Sie sich auf die neue Buchbesprechung bei uns.

 

Februar 2017

Titus Müller, Christa Roth  „Geigen der Hoffnung“ 2016, adeo Verlag

Zwei Handlungsebenen durchziehen  diesen auf wahren Begebenheiten beruhenden Roman. Die Leidensgeschichte der Brüder Marek und Stani kurz vor Kriegsende im KZ Dachau wird so ergreifend und realistisch erzählt, dass man nicht begreifen kann, warum einzelne immer noch glauben, den Holocaust leugnen zu können. (Erst kürzlich fand solch ein Prozess gegen eine 88-Jährige vor dem Verdener Amtsgericht statt, sie wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnisstrafe verurteilt.) Marek überlebte, weil er trotz aller eindringlich geschilderten Schikanen, Krankheiten und elenden Hungersnöten  die Gelegenheit bekam, im KZ-Orchester Dachau die Geige zu spielen- zu Hinrichtungen, zu den täglichen Ausmärschen der ausgemergelten Häftlinge oder zum Vergnügen betrunkener SS-Offiziere, allerdings auch manchmal in Konzerten für die Häftlinge.

Und dennoch fühlte sich Marek mit der Geige in der Hand als Mensch. Er machte in der Hölle Musik und „fühlte sich, als planten sie gemeinsam die Flucht. Mit den Tönen kletterten sie über den elektrisch geladenen Stacheldraht, flogen über die Mauer hinweg…“.

Eine parallel erzählte Geschichte lässt uns teilhaben am Lebensweg des in Tel Aviv lebenden Geigenbauers Amnon Weinstein. Eines Tages betritt ein alter Mann die kleine Meisterwerkstatt: „ Shalom, Herr Weinstein! Ich komme, um meine Violine reparieren zu lassen. Für meinen Enkel.“ Und nach ein paar Sekunden: „ Im KZ-Orchester habe ich zuletzt darauf gespielt.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Amnon noch „nicht in der Lage, dem standzuhalten, was hinter einer Mauer aus jahrelangem Schweigen verborgen lag. Am darauffolgenden Abend entdeckte ich im Inneren der Geige Aschereste. Allein der Gedanke, dass es menschliche Überbleibsel aus den Krematorien sein könnten, war so ein Schock, dass ich noch immer nicht mehr über diese Zeit hören wollte“, sagt Amnon heute.

Ein junger Praktikant aus Dresden stellt Jahre später immer wieder Fragen nach den vielen an der Wand der Werkstatt hängenden Geigen, gesammelt aus den Nachlassenschaften von in Konzentrationslagern umgekommenen Juden, verloren auf der Flucht oder von Überlebenden abgegeben, die sie nicht mehr in die Hand nehmen wollten. Dann stellt sich Amnon dieser Herausforderung und beginnt mit dem Projekt „Violins of Hope“, das ihn über Ausstellungen dieser Geigen bis hin zu einem von Simon Rattle dirigierten Konzert der Berliner Philharmoniker auf diesen Geigen bringen wird. Dazu Amnon Weinstein:

„Wenn wir die Instrumente wieder zum Leben erwecken, sie vor Publikum spielen und das vor Rührung weint, dann ist das der größte Beweis, dass die Nazis gescheitert sind.“

Ein Buch, das nachdrücklich gerade auch in dieser Zeit an die Vergangenheit erinnert.

 

 

 

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